Kraniche am Herbsthimmel

Eine Traurigkeit erfasst mein Herz. Ich kann nicht erklären, warum. Vielleicht, weil das Licht weniger wird und die Dunkelheit immer mehr Raum einnimmt. Am kommenden Wochenende werden die Uhren umgestellt und dann wird es abends noch früher dunkel. Aber muss ich überhaupt verstehen, warum mich auf einmal diese Melancholie besucht? Es ist noch dunkel draußen. 6:05 Uhr. Viele Menschen schlafen wahrscheinlich noch. Ich sitze mal wieder an meinem Schreibtisch, spüre diese leise Traurigkeit und denke an die Kraniche von gestern.

Waren es tatsächlich Kraniche?

Gestern Nachmittag war ich auf meiner Feierabendtour mit dem Fahrrad unterwegs. In der Nähe der Raketenstation Hombroich in Neuss hörte ich plötzlich diese Rufe. Ich schaute nach oben und entdeckte hoch am Himmel unzählige Vögel. Sie flogen in langen Formationen, eine nach der anderen. Als hätten sie sich alle verabredet. Ich blieb immer mal wieder stehen, während andere Radfahrer einfach weiterfuhren.

War ich die Einzige, die sie bemerkte?

Sie waren so hoch oben, kaum zu erkennen. Aber ihre Rufe!! Ich weiß nicht, was es ist, das mich an diesen Vögeln so berührt. Ihre Erhabenheit? Ihr Stolz? Ihre Grazie? Vor allem aber ist es ihr besonderer Ruf, der meine Seele rührt. Noch lange, nachdem sie am Himmel verschwunden waren, klang er in meinen Ohren nach. Den ganzen gestrigen Abend ließ mich diese Begegnung nicht los. Ich saß auf meiner Couch und recherchierte. Waren es wirklich Kraniche? Ziehen sie überhaupt über unsere Gegend? Hatten andere Menschen sie ebenfalls beobachtet?

Auf den Seiten des NABU fand ich schließlich Informationen über den Kranichzug. Tatsächlich ziehen im Herbst große Schwärme über Nordrhein-Westfalen. Vielleicht waren es also wirklich Kraniche.

Nun sitze ich hier, am frühen Morgen, und denke wieder an sie. Gestern war es vor allem ein tiefes Berührtsein und heute ist da diese leise Melancholie, irgendwie nicht greifbar.

Vielleicht eine Sehnsucht, eine Sehnsucht nach dem, was hinter allem liegt?

Nach etwas, das ich nicht benennen kann. Gestern habe ich einfach nur dagestanden, in den Himmel geschaut und gelauscht.

Die Kraniche fliegen.

Die dunkle Jahreszeit kommt.

Herzlich,

Heike

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