Wie viel Freude erlauben wir uns eigentlich im Leben?

Im Rahmen der bundesweiten Woche der seelischen Gesundheit war ich zur Veranstaltung „Futter für die Seele“ nach Dormagen eingeladen. Dort durfte ich aus meinem Buch „Glücklich alkoholfrei. Mein Weg aus der Sucht“ lesen.

Passend zum Titel hatte ich einen Abschnitt über unsere vier psychischen Grundbedürfnisse ausgewählt: Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz, Bindung sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Wir können selbst einiges dafür tun, dass sie in unserem Leben ihren Platz finden und das möglichst in einem guten Gleichgewicht. Ich durfte das lernen während meiner ambulanten Suchttherapie und später hat mich dieses Thema während meines Studiums der Sozialen Arbeit sehr interessiert. Die psychischen Grundbedürfnisse, das ist “Futter für die Seele”.

Natürlich gelingt uns das nicht immer, dafür Sorge zu tragen. Manchmal gerät unser Leben in eine Schieflage. Dann kommen die Bedürfnisse zu kurz. Das ist auch für eine gewisse Zeit in Ordnung, wir können das aushalten. Unsere Seele hält einiges aus! Doch wenn wir dauerhaft  gegen unsere eigenen Bedürfnisse leben, tut uns das nicht gut.

Was brauche ich eigentlich? Was tut mir gut? Und weshalb tue ich so viele Dinge, die mir überhaupt keine Freude bereiten?

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, stelle ich fest, dass ich vieles aus Pflichtgefühl getan habe, weil ich glaubte, dass es von mir erwartet wurde. Weil es eben gemacht werden musste. Weil ich es so gelernt hatte. Weil ich dachte, dass es meine Aufgabe sei. 

Wenn ich heute daran denke, frage ich mich, wie traurig ich damals gewesen sein muss. Wie wenig ich mich selbst wahrgenommen habe. Wie wenig Platz meine eigenen Bedürfnisse in meinem Leben hatten. 

Die Heike von damals hätte jemand gebraucht, der ihr gesagt hätte, “geh mal schwimmen, geh spazieren, geh in den Wald oder fahre mit dem Fahrrad den Rhein entlang. Das wird dir gut tun.”  Dann hätte ich vielleicht tatsächlich erfahren, wie gut es mir tut und es vielleicht beim nächsten Mal aus eigenem Antrieb selber gemacht. 

Aber es war keiner da, der mir sagte, tu das mal.

Das ist dann erst später in der Suchttherapie geschehen. 

Da war jemand. So sehe ich es heute. Rückblickend. 

Heute nehme ich mir bewusst Zeit für die Dinge, die mir Freude bereiten. Wenn ich Lust habe, schwimmen zu gehen oder mich aufs Fahrrad zu setzen, nehme ich dieses Bedürfnis ernst. Wie sehr ich es liebe, mich zu bewegen! Ob im Wasser oder auf dem Fahrrad. Ich mag es, den Wind zu spüren, das Wasser auf meiner Haut, die Leichtigkeit beim Schwimmen. Es tut mir gut und es schenkt mir Freude.

Ich spüre dann auch, dass ich mich selbst wichtig nehme. Dass ich es geschafft habe, trotz all der Widerstände in meinem Kopf, mir Freude zu schenken und mich gut zu behandeln. Das gelingt mir längst nicht in allen Bereichen meines Lebens, aber hier habe ich etwas verändert.

Früher hätte ich vielleicht jemanden gebraucht, der mich dazu ermutigt. Heute brauche ich nur noch selten eine Erlaubnis von außen. Ich habe gelernt, selbst darauf zu achten, was mir guttut und darüber freue ich mich, bin sogar ein wenig stolz darauf. 

Ich glaube, dass wir uns viel zu selten fragen, ob uns unser Leben überhaupt Freude bereitet. Und was ist, wenn wir einfach zu viele Dinge in unserem Leben haben, die uns keine Freude machen?

Vielleicht geht es auch darum, das Leben zu verändern. Es muss ja nichts Großes sein. 

Mehr Platz zu schaffen für das, was mich lebendig macht.

Ein nettes Gespräch während der Arbeit.

Ein Spaziergang an einem schönen Herbstnachmittag.

Ein Blick in den Himmel, wenn die Wolken vorbeiziehen.

Eine Fahrradtour, bei der ich einfach anhalte, weil mich ein Anblick begeistert.

Diese Zeiten sind für mich kein unwichtiger Zeitvertreib. Sie gehören zu meinem Leben. Sie schenken mir Kraft, auch für Dinge, die weniger schön sind. Dann geht es vielleicht gar nicht darum, die Unlust zu vermeiden oder sie  immer besser auszuhalten.

Vielleicht geht es auch darum, mein Leben, das Leben in ein Gleichgewicht zu bringen, ein Leben zu gestalten, in dem auch die Freude ihren Platz bekommt.

Erstaunlicherweise habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich der Raum erweitert, wenn ich der Freude Platz schenke. Es scheint so, als würde sich der Raum ausdehnen und Dinge, die mir vorher schwer von der Hand gingen, plötzlich leichter erscheinen.

Kanntest du die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe schon? Gelingt es dir, deinen eigenen Bedürfnissen und besonders der Freude genug Platz in deinem Leben zu schenken? Wenn du magst, erzähl mir von deinen Erfahrungen. Ich würde mich sehr freuen.

Herzlich

Eure Heike

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