Radtour polnische Ostsee: Dziwnów über Mrzeżyno nach Kolberg

11. September – ein unvergessliches Datum und ich war unterwegs von Dziwnów nach Mrzeżyno.

Laut Komoot fuhr ich an diesem Tag 46 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade einmal 10 km/h. 4,2 Stunden war ich in Bewegung, insgesamt aber 7 Stunden und 38 Minuten unterwegs.

Das waren die Zahlen dieser Tagesetappe.

Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und weiß nicht so recht, was ich schreiben soll. Ich kann mich nur schwer motivieren.

„Du sollst nicht – es geht hier nicht ums Sollen.“ Ja, schon klar. Doch was macht man, wenn einen der Alltag längst wieder voll im Griff hat und „man“ – also eher ich – etwas abschließen möchte? Es gibt ein Wort dafür. Ich habe es vor wenigen Tagen erst gehört: Zeigarnik-Effekt.

Der Zeigarnik-Effekt beschreibt das psychologische Phänomen, dass unerledigte oder nicht abgeschlossene Vorgänge stärker im Gedächtnis bleiben und sich immer wieder ins Bewusstsein schieben. Da haben wir es! Das ist der Beweis, dass ich meine letzte Etappe, meine Reise, förmlich zu Ende schreiben muss. Ja, förmlich muss. Also gut!

Die Zahlen der Tour sind schon geschrieben. Jetzt fehlen noch die Worte: Sie war mal wieder anstrengend.

Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich während der Zeit, in der ich mal wieder viel schieben musste, weil Fahrradfahren im Wald kaum möglich war, „Nein sagen“ von Matthias Brandt im Ohr. Oder war es „Abschied leben, Tagebuch eines Zeitgefühls“ von Gabriele von Arnim???? Egal. Vielleicht auch nicht so wichtig, welches der Bücher ich zeitweise hörte. Aber beide Bücher kann ich nur wärmsten empfehlen.

Bevor es allerdings in den Wald ging, stiefelte ich noch den Leuchtturm bei Niechorze hoch. Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel konnte ich weit schauen. Richtig weit. Nicht bis Danzig, aber fast. Ich weiß noch, dass ich da oben stand und vielleicht auch ein wenig nach der Zukunft Ausschau hielt. Aber das ist ja Quatsch. Die Zukunft da oben? Sie liegt nicht irgendwo fertig hinter dem Horizont und wartet darauf, von mir entdeckt zu werden.

Nee Nee.

Dann stiefelte ich wieder runter.

Die Aussicht war schön.

Zukunft wird auch schön!

Dann kam der Wald.

Wer meine vorherigen Beiträge gelesen hat, weiß, was das bedeutet: viele schöne Bäume, aber ein Waldweg, der kaum befahrbar ist.

Also wieder schieben.

Nach dem Wald – und auch schon an anderen Stellen – kamen die Plüschtiere! Polen und die Plüschtiere. Wer Plüschtiere braucht, dem empfehle ich eine Reise an die polnische Ostseeküste. Was für wundersame Tierwesen ich dort sah! Pinke, quietschgelbe, kleine und riesengroße. An einem Stand ein gewaltiger Pluto, am nächsten eine Glitzermeerjungfrau. All diese Stände mit ihren Plüschtieren, an denen das Kind in mir am liebsten immer wieder angehalten hätte. Manchmal fragte ich mich: Bleiben die Menschen hier vielleicht ein bisschen mehr Kind? Gekauft habe ich mir keines. Schade eigentlich.

Nach mehr als sieben Stunden unterwegs sein war von großen Gedanken am Abend nicht mehr viel übrig. In meinem Notizbuch stehen für diesen 11. September nur vier Worte: „Ich bin fix und fertig.“

Mehr gab es nicht zu sagen.

Am nächsten Morgen sah die Welt schon wieder anders aus. Bevor ich aufs Fahrrad stieg, bestaunte ich den wunderschönen Sonnenaufgang.

Dann machte ich mich auf den Weg nach Kolberg. Diesmal erwartete mich tatsächlich eine entspannte Tour. Und irgendwann war ich da.

An meinem Ziel.

In der Altstadt fand ich das Café „Colbergcoffee“ – und tatsächlich gab es dort auch meine heißgeliebte Hafermilch. Ich stellte mein Fahrrad ab, setzte mich in den Schatten und beobachtete das Treiben. Um mich herum hörte ich polnische Gespräche, von denen ich kein Wort verstand. Ich saß einfach da. Ich war angekommen. In Kolberg (polnisch Kołobrzeg). Am Ziel meiner Ostseetour. Eigentlich hätte ich gerne weiterfahren wollen. Ein Hauch von Melancholie machte sich in diesen Stunden breit. Ich wollte nicht nach Hause. Ich wollte nicht, dass diese Tour, die gefühlt gerade erst begonnen hatte, hier schon endete.

Wie sehr ich es liebe, draußen zu sein. Unter freiem Himmel. Auf dem Sattel. Treten. Nicht wissen, was kommt.

Doch alles hat ein Ende.

Herzlich,

Heike

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