Kaum sitze ich auf dem Sattel, geschieht etwas mit mir. Eine Leichtigkeit ergreift mich, unvermittelt, und manchmal fließen Tränen.
Ich atme tief ein und aus, atme komplett aus, als würden Backsteine von mir abfallen. Mein Blick geht in die Ferne, den Horizont entlang. Das Blau des Himmels, dazwischen all das Weiß. Wolken, die Schatten mitbringen.
Helm auf, Sonnenbrille auf. Der Helm ist wichtig, sagt mein Sohn immer wieder. Und jedes Mal, wenn ich ihn festziehe, höre ich seine Stimme mit. Ja, das ist richtig. Wichtig.
Ich radel in meinem Tempo. Mal langsam, mal zügig. Kein Ziel, das ich erreichen muss, nehme mir Zeit, um in die Landschaft einzutauchen.


Führt mich die Strecke durch eine Wohngegend, schaue ich mir die Häuser an. So unterschiedlich sie alle sind, und viele schön in ihrer Einzigartigkeit. Alte Häuser mit dem Charme der Sechziger- und Siebzigerjahre, daneben moderne, weiße, kantige Bauten. Viele Fenster, keine Gardinen. Statt Grün vor der Tür: Pflastersteine.
Bekannte Wege verlassen und wieder staunen.
In einem Garten blühen zauberhaft gelbe und rosa Rosen. Eine Kurve weiter führt mich der Weg an der Niers entlang, und ich sauge diese idyllische Landschaft förmlich in mich auf. All das Grün. Hellgrün, Dunkelgrün, sattes, saftiges Grün und dazwischen, jetzt im Juli, schon die ersten trockenen Blätter auf Mutter Erde. Links von mir die Niers, schmal und geradefließend.


Oft muss ich anhalten, weil sich gerade wieder ein schöner Blick öffnet. Dann steige ich ab und halte einen Moment inne. Das mache ich öfter, auf diesen Touren: anhalten und weiterfahren, stehen bleiben und staunen. Mal ist es die Weite. Mal das Licht. Mal ein gemähtes Getreidefeld, das golden schimmert, wenn die Sonne darauf fällt. Ein anderes Mal ein Reiher, der plötzlich direkt vor mir steht, reglos, als hätte er auf mich gewartet.
Und jedes Mal berührt der Rhein meine Seele. Wasser, das fließt, gemächlich, auch in seinem Tempo. An einigen Stellen des Ufers ein Sandstrand, der Erinnerungen an Urlaub weckt, an anderen Uferstellen liegen große Steine, wachsen Gräser und Gebüsch. Ja, das ist es vielleicht auch: Meine Fahrradtouren sind immer kleine Auszeiten vom Alltag.
Auf meiner letzten Tour sah ich viele Schafe, weiße, braune, gefleckte, große und kleine. Sie drängten sich alle unter einen großen Baum, der an dem heißen Tag Schatten spendete. Schafe atmen sehr schnell, dass wusste ich noch nicht. Ich war richtig irritiert, als ich mir einen Moment nahm, vom Fahrrad abstieg und sie beobachtete. Sie atmeten so schnell, dass ich dachte, ihnen ginge es nicht gut. Aber das ist wohl normal bei Schafen.


Dann ist es natürlich auch immer ein schönes Erlebnis, mit dem Fahrrad über die vielen Brücken am Rhein zu fahren. Sei es die Theodor-Heuss-Brücke, die Oberkasseler Brücke oder die Fleher Brücke. Ach, es gibt so viel Schönes. Vielleicht radel ich diesen Sommer noch eine längere Strecke den Rhein entlang, vielleicht bis Koblenz?
Diese Touren geben mir Kraft.
Herzlich,
Heike





0 Kommentare