Was macht mich zuversichtlich

Jeden Montagvormittag treffen wir uns als Team auch mit Leitung zu einem Montagsauftrag. Wir sprechen über das, was ansteht, über das, was uns beschäftigt und so weiter. Zu Beginn unserer Runde stellt die Teamleitung immer unterschiedliche Fragen: Am vergangenen Montag war es die Frage: Was macht mich zuversichtlich?

Was macht MICH zuversichtlich?

Meine Antwort auf diese Frage:

Wenn ich in schwierigen, belastenden Situationen die Erfahrung mache, dass ich nicht alleine bin. Dass ich weiß, dass morgen ein neuer Tag beginnt. Und ich weiß, dass es immer weitergeht.

Doch diese Frage ließ mich nicht mehr los und so bin ich ihr nachgegangen.

Wie lernt man Zuversicht? Wie kann man zuversichtlicher werden? Wie entsteht sie? Und wie wirkt das Umfeld auf uns ein? Was kann helfen, Zuversicht zu entwickeln? Was sagen schlaue Leute dazu, Hartmut Rosa zum Beispiel? Oder Harald Welzer. Seine Gedanken dehnen meinen Geist oder Hannah Arendt, die ich während meines Studiums erst kennengelernt habe. Dann Viktor Frankl, der sich so sehr mit Sinn beschäftigt hat. Oder halt auch Bandura, den ich ebenfalls während meines Studiums kennengelernt habe.

Selbstwirksamkeit – Bandura

Bei ihm will ich anfangen und eigentlich brauche ich nicht lange zu Bandura zu recherchieren, es hat sich in meinem Kopf eingehämmert: „Selbstwirksamkeit“. „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet die Überzeugung eines Menschen, aufgrund eigener Fähigkeiten Anforderungen bewältigen und gewünschte Handlungen ausführen zu können.

„Ich weiß aus Erfahrung, dass ich das schon einmal geschafft habe, also werde ich es auch diesmal schaffen.“

„Ich habe Schwierigkeiten schon einmal bewältigt, also werde ich sie auch diesmal bewältigen.“

„Ich habe einen anderen Weg gefunden, also werde ich auch diesmal einen anderen Weg finden, wenn der zuvor gedachte nicht möglich wird.“

Daraus entsteht zwar keine Garantie, dass es auch gelingt, es entsteht jedoch ein Vertrauen in die Bewältigung – sehr kraftvoll. Bewältigungsvertrauen.

Bewältigungsvertrauen – das Wort gefällt mir. Es gefällt mir sogar außerordentlich gut!

Zuversicht entsteht aus dem Handeln und wenn wir Herausforderungen in kleinen Schritten bewältigen können, erhalten wir jedes Mal Selbstwirksamkeitserfahrungen. Mit der Zeit wächst mehr und mehr unsere Selbstwirksamkeit und somit auch unsere Zuversicht.

Wie sehr ich das bestätigen kann. Wie viele kleine Schritte bin ich gegangen!

Harald Welzer

Kennst du Harald Welzer? Ich habe vor einiger Zeit sein Buch „Nachruf auf mich selbst“ gelesen und war sehr inspiriert. Harald Welzer ist Soziologe und beschäftigt sich seit Jahren mit … eigentlich mit der Zukunft, mit dem Gestalten des Lebens. Harald Welzer versteht die Zukunft als eine Gestaltungsmöglichkeit. Die Zukunft bricht nicht über uns hinein, sie ist nicht vorbestimmt und katastrophenmäßig. Nein. Er plädiert dafür: Wer Gestaltungsmöglichkeiten erkennt und nutzt, erfährt sich nicht ausschließlich als Objekt gesellschaftlicher Entwicklungen.

Harald Welzer macht mir immer wieder Mut, Mut in meine eigene Gestaltungsmöglichkeit, wenn ich mal wieder zu eng denke.

Doch nicht alles lässt sich gestalten.

Manches im Leben können wir nicht beeinflussen, da helfen auch unsere Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht. Da kommt etwas anderes ins Spiel. Damit hat sich Hartmut Rosa beschäftigt.

Hartmut Rosa und die Resonanz

Hartmut Rosa habe ich erst vor Kurzem für mich entdeckt, auch ein spannender Soziologe. Aber anstrengend ihm zuzuhören, er spricht wahnsinnig schnell, hat aber so kluge Gedanken.

Wir haben zum Beispiel keinen Einfluss auf Krankheit, Tod, Verlust oder gesellschaftliche Krisen oder auf das Verhalten anderer Menschen. Hier wird Hartmut Rosas Theorie von der Resonanz wichtig. Rosa kritisiert die moderne Tendenz, immer größere Teile der Welt verfügbar, beherrschbar und kontrollierbar machen zu wollen.

„Resonanz bezeichnet eine Beziehung zur Welt, in der ein Mensch von etwas berührt wird, darauf antwortet und dabei selbst verändert werden kann.“ Das ist die Theorie von Rosa.

Resonanz lässt sich nicht erzwingen, sondern sie hat eher etwas mit einer Möglichkeit zu tun. Ein „Möglichkeitsraum“. Es braucht die Fähigkeit zu sagen:

„Ich kann nicht alles bestimmen – und ich kann mich dennoch auf das Leben einlassen.“

Und das ist für mich immer wieder eine Übung: mich auf das Leben einzulassen!

Wenn ich mich auf das Leben einlasse, stellt sich noch eine andere Frage: Wie fange ich überhaupt an?

Hannah Arendt

Hannah Arendt habe ich während meines Studiums kennengelernt und musste jetzt wieder an sie denken. Vielleicht, weil bei ihr ein Gedanke auftaucht, der für mich sehr viel mit Zuversicht zu tun hat: Wir Menschen können etwas anfangen.

Arendt spricht von der Fähigkeit des Menschen, einen Anfang zu setzen. Mit unserem Handeln kann etwas in die Welt kommen, was vorher noch nicht da war. Und wir wissen vorher nicht genau, was daraus entstehen wird. Das gefällt mir.

Denn vielleicht bedeutet Zuversicht gar nicht, zu wissen, dass alles gut ausgehen wird.

Vielleicht bedeutet Zuversicht:

Ich kann einen Anfang machen, obwohl ich nicht weiß, wie es weitergeht.

Wie gut ich dies aus meinem Leben kenne. Ich begann mit Ende 40 ein Studium und wusste nicht, wie es enden wird. Ich kann einen ersten Schritt machen.

Solange wir handeln können, kann etwas Neues entstehen.

Viktor Frankl

Sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ hat mich tief bewegt. Und wenn ich an Viktor Frankl denke, komme ich noch einmal an eine andere Stelle. Denn was ist mit Situationen, in denen ich tatsächlich nichts mehr gestalten kann? Krankheit, Verlust oder eine andere schwere Erfahrung?

Frankl hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Menschen auch unter schwierigen Bedingungen Sinn erfahren können. Für mich liegt darin ein Gedanke, der sehr viel mit Zuversicht zu tun hat:

„Ich kann nicht immer entscheiden, was mir geschieht, doch ich kann darum ringen, eine Haltung zu dem zu finden, was mir geschieht.“

Das ist keine Garantie auf ein gutes Ende. Und es bedeutet auch nicht, dass ich alles schönreden muss. Manches ist schmerzhaft. Manches ist ungerecht. Manches hätte ich mir in meinem Leben anders gewünscht. Aber trotzdem habe ich die Wahl, wie ich auf das Leben antworte.

Meine Antwort auf das Leben. Vielleicht ist Zuversicht manchmal genau das: darauf zu vertrauen, dass ich auch dann noch eine Antwort finden kann, wenn das Leben anders verläuft, als ich es mir vorgestellt habe.

„Ich weiß nicht, was kommt. Aber ich vertraue darauf, dass ich damit umgehen, Hilfe annehmen, handeln und meinen nächsten Schritt finden kann.“

15 Jahre Abstinenz haben diesen Satz in mir verankert.

Was das Umfeld bewirkt

Jetzt die Frage: Welche Bedeutung hat das soziale Umfeld? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: extrem viel. Bereits Bandura berücksichtigt mit seiner Selbstwirksamkeitstheorie soziale Modelle und verbale Ermutigung als Quelle von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen.

Wir sind soziale Wesen, und besonders soziale Unterstützung, gute Beziehungsqualitäten und familiäre Unterstützung sind mit Belastungssituationen verbunden. Natürlich haben auch gesellschaftliche Bedingungen einen Einfluss: die Wohnsicherheit, politische Rahmenbedingungen, das Hilfesystem.

Wenn wir wiederholt erleben: „Du kannst das“, „ich vertraue dir“, „wenn es schwierig wird, helfe ich dir“, macht es einen großen Unterschied im Vergleich dazu, wenn jemandem dessen Umwelt dauerhaft vermittelt:

„Das bringt sowieso nichts“, „sei vorsichtig“, „die Welt ist gefährlich“.

Andere Menschen können Möglichkeiten vergrößern oder verkleinern. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur sagen, dass mir in der Vergangenheit häufiger Menschen begegnet sind, die Möglichkeiten verkleinert als vergrößert haben.

Und wenn ich mir die Erfahrungen aus meinem beruflichen Kontext anschaue, kann ich nur sagen: Oft entsteht Vertrauen in die eigene Zukunft dadurch, dass ein anderer Mensch einem etwas zutraut.

Was macht mich zuversichtlich?

Vielleicht brauche ich darauf gar keine komplizierte Antwort.

Mich macht zuversichtlich, dass ich schon schwierige Wege gegangen bin. Dass ich handeln kann. Dass ich einen neuen Anfang machen kann. Dass ich nicht alles kontrollieren muss. Dass ich auch dem, was ich nicht verändern kann, irgendwie begegnen werde.

Und vor allem macht mich zuversichtlich, dass ich nicht alles alleine bewältigen muss.

Vielleicht unterschätzen wir manchmal, welche Bedeutung wir füreinander haben. Ein Mensch, der sagt: „Ich traue dir das zu.“ Einer, der bleibt, wenn es schwierig wird. Einer, der nicht sofort eine Lösung hat, aber zuhört.

Herzlich,

Eure Heike

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