Welch eine Frechheit, Namibia!

Wohin es jetzt ging, hat mich total geflasht. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

Ich muss mich gerade erst wieder zurückbeamen in die Namibia-Zeit. Heute ist der 6. Juni. Fast ein Monat ist vergangen, seit ich dieses wunderbare Land besucht habe. Inzwischen bin ich mitten im Stadtradeln angekommen, sammle Kilometer auf dem Fahrrad und erlebe Neues. Doch für diesen letzten Namibia-Beitrag möchte ich noch einmal zurückreisen.

Seit meiner Kindheit habe ich ein Lieblingstier.

Ich bin im Münsterland aufgewachsen. In Münster gibt es den Allwetterzoo, der für mich bis heute zu den schönsten Zoos gehört, die ich kenne. Als Kind war ich oft mit meinem Papa dort. An Sonntagen, wenn viele andere Familien unterwegs waren, schlenderten wir durch den Zoo und bestaunten die Tiere.

Besonders fasziniert haben mich damals die Geparden. Diese schlanken, grazilen Tiere mit ihrer unglaublichen Eleganz. Die schnellsten Landtiere der Welt – und dabei wirken sie fast leicht und mühelos in ihren Bewegungen. Ich konnte mich kaum sattsehen an ihnen. Vielleicht habe ich als Kind sogar davon geträumt, selbst einmal so leicht und anmutig durch die Welt zu gehen. Aber das wäre wohl ein etwas seltsamer Vergleich zwischen Mensch und Tier.

Und genau zu diesem Lieblingstier waren wir unterwegs. Ich wusste nichts davon.

Plötzlich standen wir vor einer Gepardenfarm in Namibia – dem Cheetah Conservation Fund. https://cheetah.org/de/ . Ich muss es noch einmal wiederholen: Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Es war ein Erlebnis, das mich wirklich zum Staunen gebracht hat. Ich war auch sehr überrascht über das lauten Schnurren von Geparden. Und was ich nicht wusste: Cheetahs sind bedrohte Tiere. Es leben nur noch wenige Tausende. Die größte Herausforderung ist das Zusammenleben von Mensch und Tier. Da viele Geparden außerhalb von Schutzgebieten leben, kommt es immer wieder zu Konflikten mit Viehhaltern. Organisationen wie das Cheetah Conservation Fund arbeiten deshalb eng mit den Farmern zusammen, um Lösungen zu finden, die sowohl den Menschen als auch den Tieren helfen. Unfassbar ist es auch für mich, dass es immer noch Menschen gibt, die diese Tiere als Haustiere halten.

Der Besuch hat mich nachdenklich gemacht. Immer wieder geht es um Interessen, Besitz und die Frage, wie wir mit der Natur und ihren Geschöpfen umgehen. Dabei wünsche ich mir eine Welt, in der Mensch und Tier ihren Platz haben dürfen. Oder, um es mit den Worten von Mahatma Gandhi zu sagen: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

Während unseres Aufenthalts konnten wir an einer Tierfütterung teilnehmen. Für mich war es auf einer Seite beeindruckend, ein Gepard aus nächster Nähe zu beobachten, aber wirklich schön war es für mich nicht, zu sehen, mit welcher einer Gier wilde Tiere Fleisch fressen.

Natürlich durfte auch ein weiterer Game Drive nicht fehlen. Jede Fahrt war anders und hielt neue Überraschungen bereit.

Am nächsten Morgen erwartete mich noch ein besonderes Erlebnis: ein Gepardenlauf. Die Kraft, Eleganz und unglaubliche Geschwindigkeit dieser Tiere mit eigenen Augen zu sehen, war faszinierend. Diese Leichtigkeit!

All diese Eindrücke wollte ich wie in den vergangenen Tagen in mein wunderschönes Notizbuch schreiben. Ich hatte es extra für diese Reise gekauft. Fast immer trug ich es bei mir und schrieb häufig morgens oder abends auf, was mich bewegt hatte. Auf der Gepardenfarm hatten wir für die Übernachtung nur das Nötigste aus dem Geländewagen geholt. Mein Rucksack blieb im Wagen zurück – und mit ihm mein Notizbuch.

Erst am nächsten Morgen bemerkte ich es. Ich hatte das starke Bedürfnis zu schreiben, all die Eindrücke festzuhalten, doch mein Buch war außer Reichweite. So schade ich das in diesem Moment fand, zeigte mir die Situation etwas anderes: Wie wichtig mir dieses Notizbuch geworden war. Es war nicht einfach nur ein Notizbuch. Es war zu einer treuen Begleiterin geworden. Als ich es am nächsten Tag wieder in den Händen hielt, schrieb ich als Erstes:

„Mein Herz hat es erfreut, diese Lebendigkeit zu sehen, diese Freude am Jagen.  Wie sehr hat es mich an meine Katzen erinnert.“

Tatsächlich war ich überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten ich zwischen den Geparden und meinen Katzen zuhause entdecken konnte,  ihre Bewegungen, ihre Aufmerksamkeit und ihre verspielte Energie. 

Dann ging es auf zur letzten Station. 

Es wurde ein ruhiger Abschluss.

Die Gästefarm Hohewarte liegt in einer idyllischen Landschaft, umrahmt von Bergen. Die Farm selbst hat etwas besonderes, denn in der Kolonialzeit war es eine Polizeistation sowie auch ein altes Postamt. Vor dem Gebäude wachsen alte, hohe Kakteen. Zwei Gästehäuser mit Terrassen direkt mit Blick in die Weite. Oberhalb der Gästefarm befindet sich ein Pool – fast wie ein kleiner Bergsee. Es war fast alles kitschig schön.

Auf Hohewarte hatte ich das Gefühl die Zeit würde still stehen. Ich lag im Liegestuhl, las in meinem Buch und tauchte für eine Weile in eine andere Geschichte ein. Währenddessen konnten die Eindrücke der vergangenen Tage langsam in mir einsinken. Um mich herum war Weite. Der Wind strich durch die Landschaft und was mir besonders auffiel: Es waren keine Geräusche zu hören. Es war still. Anders als zuhause hörte ich keine Amseln, keine Meisen, kein morgendliches Vogelkonzert. Nur Wind, Weite und diese besondere Ruhe der namibischen Landschaft. Hier fühlte ich mich irgendwie eingebettet, fühlte mich nicht als Besucherin, sondern war Teil. Es war ein Tiefes Erleben von Stille und Frieden.

Noch während der Namibia Reise war ich der Überzeugung, dass meine Fahrradtouren an der Ostsee mir mehr zusagen als Namibia. Jetzt während des Schreibens meiner Blogbeiträge über Namibia spüre ich, dass sich etwas verändert hat. Wie kommt das. War Namibia eindrucksvoller?

Frage mich, ob alles, was mehr Eindruck macht, uns mehr berührt.  Jede Landschaft hat doch was besonderes. Vielleicht war die Reise etwas einzigartiges. Mein Bruder fragte mich, ob ich vom “Namibia Fieber” ergriffen bin. Ich will mir aber auch treu bleiben. Die Ostsee – der Norden war immer „Meins“ Jetzt kommt Namibia daher. Welch eine Frechheit!

Reisen verändert.

Wenn mich Namibia so beeindruckt hat, verliere ich dann etwas von meinem Norden?
Nein. Mein Herz hat mehr Platz für schöne Landschaften. Ich liebe ja nicht auch nur einen Menschen. 

Das war’s. Ende offen.

Eure Heike

In meinem Tempo 

2 Kommentare

  1. Liebe Heike, meine Güte ist das beeindruckend geschrieben. Ich könnte es noch zig mal lesen. Danke 🙏
    Nein – ich werde es bestimmt noch oft lesen. Liebe Grüße 😍

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  2. Liebe Heike,

    deine Begeisterung für Namibia und die Geparden im Speziellen ist sehr – wie soll ich es richtig ausdrücken – ergreifend. Ist das wirklich das richtige Wort für die tiefen Gefühle, die du hegst? Ich spüre förmlich deine tiefe Liebe dazu. Es scheint, als hättest du noch einen „Magic Place“ dazugewonnen.

    Ich wünsche dir, dass du noch sehr lange in deinen Erinnerungen an Namibia schwelgen kannst, was aber sicher der Fall sein wird, denn niedergeschrieben brennt sich das Erlebte noch stärker ein, finde ich.

    Antonette

    Antworten

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