Als die Vögel verstummten

Kurz nach fünf. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Dunkel draußen. Der Himmel ist verhangen mit dunklen Wolken. Stille.

Ich liege im Bett, und das nicht allein: Kira, eine meiner Katzen, liegt am Fußende. Kaspar, mein Kater, sitzt vor dem Bett und miaut. Fressenszeit. Ich genieße noch eine Minute im Bett, strecke mich, Kira springt schwups aus dem Bett.

Merkwürdig, es ist so still. Wieso ist das so still? Ich höre keine Vögel mehr.

Mit dieser Feststellung gehe ich ein wenig bedröppelt in die Küche und bereite mir meinen Morgenkaffee zu.

Welch eine Freude hatte ich in den vergangenen Wochen, morgens den Vögeln bei ihrem Vogelkonzert zuzuhören. Wochenlang haben sie mich wachgesungen. Morgens um 4:30 Uhr – ach, was war das schön. Mit welcher Freude bin ich morgens in den Tag gestartet. Vogelkonzert am Morgen, das Geschenk des Tages.

Ende Juli gibt es kein Vogelkonzert mehr. Aus und vorbei. Das war’s für dieses Jahr. Aber das war so schön.

„Geht es vielleicht nicht noch ein wenig länger? Könnt ihr nicht noch den Sommer hindurch weiter so zauberhaft singen? Bitte, singt doch noch ein paar Wochen. Es ist doch noch Sommer. Ihr könnt doch nicht einfach mitten im Sommer euer Vogelkonzert einstellen. Der Herbst ist noch weit entfernt. Ich liebe euer Vogelkonzert so sehr!

Ihr habt mich noch nicht einmal darauf vorbereitet, dass es dem Ende zugeht. Ihr habt einfach aufgehört. Ich konnte noch nicht einmal Abschied nehmen. Jetzt stehe ich da. Ihr habt mir meine Freude genommen, morgens aufzustehen. Was für einen Grund habe ich jetzt bitteschön, morgens aus dem Bett zu kommen? Ja, ja, ich weiß, ich höre euch schon sagen: Die Katzen wollen ihr Futter haben. Das ist nicht dasselbe!“

Warum die Vögel plötzlich verstummen

So sehr ich das Schweigen als Verlust empfinde – es hat einen ganz natürlichen Grund. Und ehrlich gesagt: Erst jetzt, mit 60 Jahren, habe ich das wirklich verstanden. Ich finde es fast ein bisschen schade, dass ich erst jetzt nachgeforscht habe, warum die Vögel im Sommer verstummen – all die Jahre davor habe ich die Stille einfach hingenommen, ohne mich zu fragen, was dahintersteckt.

Vogelgesang dient vor allem zwei Zwecken: einen Partner anzulocken und das Brutrevier zu markieren. Sobald die Brutzeit vorbei ist, fällt dieser Grund weg. Bei den meisten Arten verlassen die Jungvögel Mitte Juli das Nest, und die Eltern müssen ihr Revier nicht länger lautstark verteidigen – sie „haben frei“.

Gleichzeitig beginnt für viele Vögel die Mauser: Sie wechseln ihr Federkleid, sind dabei schlechter vor Feinden geschützt und ziehen sich deshalb lieber zurück, statt zu singen. Manche Arten machen sich zudem schon jetzt auf den Weg in wärmere Gefilde oder dorthin, wo sie mehr Futter finden – Mauersegler zum Beispiel lassen sich noch bis Anfang August hören, dann sind auch sie verschwunden.

Die Vögel haben sich also nicht heimlich von mir verabschiedet. Ihr Job für dieses Jahr war schlicht getan. Die Stille im Garten ist kein Grund zur Sorge, sondern ein ganz natürlicher Rhythmus – auch wenn ich das Vogelkonzert jetzt schon vermisse und mich auf nächstes Frühjahr freue.

Herzlich,

Heike

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