Manchmal schwanke ich immer noch zwischen Schwarz und Weiß. Entweder so oder so.
Entweder ich ziehe es ganz durch oder ich lösche alles, mache gar nichts mehr. Ich wollte den Blog, das Buch und die Texte einfach verschwinden lassen. Da ist sie wieder, meine innere Zweiflerin. Ach, wie sehr liebt sie Extreme. Dieses Ganz oder gar nicht. Erfolg oder Rückzug. Und mitten darin mein altes Thema: Selbstzweifel und Sichtbarkeit. Denn unsichtbar sein ist manchmal einfacher, als sichtbar zu bleiben. Dann fahre ich lieber nur noch Fahrrad und tue so, als bräuchte ich das alles nicht.
Sabotage kenne ich.
Vor Jahrzehnten war ich einmal so enttäuscht vom Leben, so verletzt und so traurig, dass ich ganze Fotoalben entsorgt habe. Ich saß in meinem Wohnzimmer auf dem Fußboden und hatte all meine Fotoalben vor mir ausgebreitet. Seite um Seite löste ich die Fotos aus dem klebrigen Album. Wütend zerriss ich all die Fotos, Tränen flossen Bilder meiner Kindheit, meine erste große Liebe. Heike, wie sie zur Frau wurde. Riss mein Leben durch und warf es in den Müll. Noch heute spüre ich diesen Moment. Damals wollte ich alles auslöschen, als hätte es mich nie gegeben.
Und jetzt in diesem Monat stand ich wieder an so einem Punkt. Mit meinem Blog – mit meinem Buch. Ich hatte Angst nicht genug zu sein. Doch unter diesem “nicht genug” lag noch etwas anderes. Etwas, das mir schon sehr unangenehm war, auszusprechen.
Ich wollte bewundert werden. Ja. Genau das! So unangenehm mir das auch ist: Ich wollte gesehen werden. So wie ein kleines Kind, das in der Mitte des Zimmers steht und ruft:
„Schaut mal, was ich gemacht habe!“ Darüber zu schreiben, fiel mir schwer. Weil wir in unserem Alter doch darüber hinweg sein sollten. Mit 60 noch bewundert werden wollen? Wie lächerlich. Wirklich? Jedes Kind will gesehen werden. Jedes!
Und was, wenn dieser Wunsch nie ganz verschwindet?
Was, wenn er nur leiser wird – und wir anfangen, ihn uns selbst zu verbieten?
Will nicht jeder Mensch gesehen werden? Jung oder Alt?
Vielleicht habe ich damals nicht nur Alkohol getrunken. Vielleicht habe ich auch Anerkennung getrunken. Bestätigung. Ein „Du bist gut so“.
Wenn Rückmeldungen kommen, beruhigt sich mein Zweifelerin. Doch wenn sie ausbleiben, beginnt sie zu flüstern. „Siehst du. Reicht nicht.“
Früher habe ich dann gelöscht. Fotos. Gelöscht meine Gefühle mit Alkohol. Heute lösche ich nicht mehr. Ich versuche es auszuhalten. Heute bleibe ich! Auch wenn es noch unbequem ist. Auch wenn ich mich dabei ertappe, wie ich auf Reaktionen warte. Und auch wenn ich merke, dass ein Teil von mir immer noch bewundert werden möchte. Nein! Ich verstecke mich nicht mehr! Ich will nicht mehr die Frau sein, die sich selbst verschluckt.
Ja, ich habe ein Buch geschrieben. Und trotzdem bleibt es mein Lebensthema.
Selbstannahme ist nichts, was man einmal abhakt. Sie bleibt. Sie wächst. Und sie wird immer wieder herausgefordert.
Vielleicht geht es gar nicht darum, bewundert zu werden. Sondern darum, mich selbst anzuerkennen. Mich selbst zu sehen. Ohne Applaus. Einfach hier. Mit allem.
Nein! Ich bleibe sichtbar!
In meinem Tempo.
Heike





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