Radtour polnische Ostsee: Von Anklam nach Usedom

Ich bin in meinem Zimmer im dritten Stockwerk von einem Hotel in Kolberg. Vor dem Fenster ist so ein halbhohes Gitter. Möchte so gern das Fenster für die Nacht weit offen stehen lassen und nicht schließen. Es kann hier eigentlich auch keiner hochklettern. Mein Blick schweift umher. Dicht an dicht stehen hier die Häuser. Das Hotel befindet sich in Zentrumsnähe des Bahnhofs. Kann man hier überhaupt die Wände hochklettern? Oder muss ich das Fenster doch schließen und stelle es nur auf Kippe?

Dritter Stock und davor noch ein halbhohes Gitter: Dass jemand von außen durchs Fenster einsteigt, ist doch unter normalen Umständen ausgesprochen unwahrscheinlich. Die Wände wird tatsächlich niemand mal eben hochklettern. Doch ich hatte mir diese Gedanken gemacht.

Das war eine der Fragen, die mich beschäftigt haben, während meiner Radreise an der polnischen Ostseeküste. Vielleicht mag man jetzt schmunzeln, doch ja, es waren nun mal solche Fragen. An jenem Abend habe ich das Fenster dann tatsächlich offen gelassen – und tief und fest geschlafen.

Doch ich beginne von vorn.

Anklam. Anklam ist mein Ausgangspunkt auf meinem Weg Richtung Ostsee.

Keine besondere Stadt, doch hier endete letztes Jahr meine Reise, und von hier wollte ich dieses Jahr wieder starten. Ob ich das nächste Jahr wieder so mache??? Ich weiß es noch nicht. Brauche ich auch jetzt noch nicht zu entscheiden.

Anklam hat eine wunderschöne alte Backsteinkirche, die mich schon letztes Jahr beeindruckte. Nur leider konnte ich sie nicht besichtigen. In Anklam wurde auch Otto Lilienthal geboren, der mit ihr in Verbindung steht – er wollte wissen, ob etwas möglich ist, das vorher unmöglich erschien: das Fliegen.

Mittwoch, 09.09.2026. Es ist acht Uhr in der Früh und ich sitze schon auf dem Fahrrad, Hummeln im Hintern, wie es so schön heißt. Und nach entspannten fast 50 km komme ich schon gegen 12 Uhr in Swinemünde an. Viel zu früh. Hatte definitiv zu viel Energie in mir. Aber vielleicht lag es auch am Rückenwind. Der Weg führte mich durch das wunderschöne Pennetal, Weite, Wasser, und hoch über mir folgten zeitweise die ersten Kraniche. Ihr unverkennbarer Ruf machte mich auf sie aufmerksam.

Wie sehr ich mich danach gesehnt habe: auf dem Fahrrad zu sitzen, zu treten, Musik in den Ohren, mich fast berauschen zu lassen von der Schönheit dieser Welt – und wenn es nur das Pennetal war, durch das ich fuhr. Bei Sonnenschein fuhr ich los, mittlerweile zogen die ersten Regenwolken auf, und je näher ich Richtung Meer fuhr, umso mehr zog sich der Himmel zu. Es begann zu regnen. Doch wie es am Meer so schön ist: Er bleibt nicht lange. Die Regenwolken verzogen sich – blauer Himmel.

Inzwischen hatte ich die Zecheriner Brücke erreicht, und nach der Überfahrt war ich auf Usedom. Usedom, das Fahrradparadies. Aber auf dieser Urlaubsinsel werde ich nicht lange bleiben. Ich fahre auf gut ausgebauten Fahrradwegen mit dem Etappenziel Swinemünde. Dabei komme ich vorbei am alten Fischerdorf Kamminke mit den steilen Straßen und engen Gassen. Es liegt direkt am Stettiner Haff und ist wirklich urig – viele traditionelle Häuser und Gärten, die terrassenförmig angelegt sind.

Dann Swinemünde – was für ein Rummel!

Will mich in Ruhe in ein Café setzen, draußen, und erst einmal ankommen. Da drückt die Blase. Ein ruhiges Plätzchen finde ich nicht, und für die Toilette muss ich hier überall Geld bezahlen – seit wie vielen Jahren habe ich kein Geld mehr gewechselt! Ich schiebe mein Fahrrad über die Promenade, halte Ausschau nach einem „Kantor“, wie es die Reiseführer empfehlen, und wechsle in der Nähe der Toilette erst einmal 40 Euro. Als ich sehe, was ich zurückbekomme, wundere ich mich – kommt mir wenig vor. Und tatsächlich: Wie ich später recherchiere, war der Kurs so schlecht, dass ich fast 10 Euro Verlust gemacht habe. Dass Kurse so unterschiedlich sein können, daran hatte ich gar nicht gedacht. Am Toilettenhäuschen sehe ich dann: Man kann auch einfach in Euro zahlen. Tauschen hätte ich mir eigentlich sparen können – während meines Aufenthalts nutze ich ohnehin meistens meine EC-Karte.

Die Blase ist geleert, jetzt kann ich endlich ans Meer. Ich stelle das Fahrrad sicher ab, ziehe Schuhe und Strümpfe aus, und dann endlich berühren meine Füße den Sand – und nach wenigen Schritten das Meer. Welch ein Genuss, welch eine Freude durchzieht meinen ganzen Körper. Beim Anblick des Meeres, der Weite und dem Rauschen der Wellen kullert eine Träne.

Weiter geht’s im nächsten Beitrag.

Herzlich,

Heike

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