Nüchtern 2011, heute – und der Zweifel

2011. Ich kapitulierte und gab den Kampf gegen den Alkohol auf.

Es gab kein Instagram. Keine sichtbare Bewegung. Keinen öffentlichen Diskurs über Nüchternheit, wie wir ihn heute kennen. Keine Stimmen, die mir täglich entgegenkamen und sagten: Du bist nicht allein. 2011 und auch noch einige Jahre später war ich allein.

Damals waren mein Halt die Therapeuten und die Selbsthilfegruppe. Von deren Hilfe habe ich gelebt, von ihnen wurde ich durch den Alltag getragen. Ich konnte mich 2011 und viele Jahre danach noch nicht selbst tragen und halten. Und wenn ich heute zurückblicke, weiß ich gar nicht mehr so genau, wie ich diese Zeit überstanden habe. Vor allem die Anfangszeit nicht. Meine ganze Energie setzte ich für meine Nüchternheit ein. Und viel Energie hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht. 

Ich war nicht stark. Wie oft war ich angewiesen auf Menschen, die mich mittrugen. Erst mit den Jahren lernte ich, mich selbst an die Hand zu nehmen. 

Diesen Blogbeitrag schreibe ich für die Frau, die zweifelt, die vielleicht immer wieder hinfällt, die sich nicht gesehen fühlt, weil ich weiß wie es sich anfühlt. 

Ich sehe dich, weil ich meine eigene Verletzlichkeit und Hilfslosigkeit von damals noch gut in Erinnerung habe. Ich weiß, wie es ist, wenn man nicht weiß, ob man sich selbst trauen kann und wenn alles in einem wankt. Wenn andere vielleicht weitermachen, funktionieren, ihr Leben leben und man selbst schon damit kämpft, den nächsten nüchternen Schritt zu gehen.

Heute ist vieles anders. Alkoholismus wird sichtbarer. Menschen aus dem öffentlichen Leben sprechen über ihre Sucht und ihre Genesung. Auf Social Media teilen mittlerweile eine Vielzahl an Menschen ihre Erfahrungen. Es gibt Bücher, Podcasts, Communities, Onlinekurse, Coachings und viele Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen.

Und das ist gut so.

Wirklich.

Denn all das kann helfen, Einsamkeit zu überbrücken und es kann Halt geben. Es kann Mut machen und kann es das Gefühl vermitteln, nicht die Einzige zu sein.

Aber sie können dir nicht abnehmen, dir selbst zu glauben und deinen eigenen Weg zu gehen. Vielleicht ist genau das der schwierigste Punkt.

Denn der Weg aus der Alkoholabhängigkeit wird heute manchmal einfacher erzählt, als er ist. Manchmal fast zu glatt. Zu schnell. Zu sauber. Es gibt Erfolgsgeschichten, klare Schritte, gute Routinen, starke Botschaften. Und ja, manches davon kann hilfreich sein.Ich selbst gebe einige Impulse weiter – und weiß gleichzeitig, dass sie nur ein Teil des Weges sind. 

Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Veränderung ist harte Arbeit. Ich will diesen Weg nicht beschönigen.

Es gibt auf diesem Weg nicht nur Leichtigkeit und Befreiung. Es gibt auch Hilflosigkeit und Verlangen. Zweifel. Müdigkeit. Das Aushalten. Es gibt Momente, in denen man sich selbst fremd wird und Momente, in denen man nicht weiß, ob das, was man fühlt, stimmt. Und gerade jetzt, während ich das schreibe, merke ich, wie weit weg mir das alles auf einmal ist und ich Angst habe, falsch mit meiner Wahrnehmung zu liegen.

Auch das kenne ich: der eigenen Wahrnehmung nicht zu trauen und vielleicht ist es ein Teil der Heilung, Schritt für  Schritt wieder zu lernen, sich selbst ernst zu nehmen. 

Den Blick auf sich gerichtet. Einatmen. Ausatmen.
Langsam werden.
Sich beobachten.
Reflektieren.
Schritt für Schritt sich selbst an die Hand nehmen und ins kalte Wasser gehen.

Für mich ist Nüchternheit kein schönes Konzept. Kein schicker Lebensstil. Kein hübsch aufbereitetes Journaling-Buch mit Dankbarkeit und Reflexion. Nüchternheit heißt für mich: jeden Tag nüchtern leben und sich dabei in seiner Unzulänglichkeit und mit all seinem Schmerz wahrnehmen.

Das ist Hochleistungssport.

Und dieses tägliche Tun verlangt Anerkennung. Nicht Perfektion. Nicht Selbstoptimierung. Sondern Anerkennung. Und Mitgefühl. Ganz besonders von uns selbst!

Ich möchte mit diesem Beitrag nicht entmutigen. Im Gegenteil. Ich möchte dir etwas sagen, wenn du dich vielleicht schämst, wenn du schwankst, wenn du fällst, wenn du vielleicht länger brauchst oder nicht weiter weißt. Du musst dich auch nicht erniedrigen. Du musst nicht glauben, dass mit dir etwas nicht stimmt, nur weil es schwer ist.

Dieser Weg ist nicht einfach. Jeder Weg ist individuell. Es gibt auf diesem Weg kein Richtig oder Falsch. 

Wir können uns Impulse holen und Unterstützung suchen. Wir können Bücher lesen, Podcasts hören und Gruppen aufsuchen. All das ist wertvoll. Aber am Ende muss jede ihren eigenen Weg finden. Im eigenen Tempo. Mit den eigenen Wunden. Mit der eigenen Geschichte.

Ich bin meinen Weg ohne Öffentlichkeit gegangen. Heute würde ich mir manchmal wünschen, ich hätte damals mehr Stimmen gehört. Mehr ehrliche Geschichten. Mehr Frauen, die sich offen mitteilen. 

Aber vielleicht hat genau das mich gezwungen, meine eigene Stimme zu finden.Und vielleicht ist das auch das, worum es geht:
dass wir lernen, uns nicht zu verlassen. Dass wir uns langsam selbst vertrauen und uns selber an die Hand nehmen.

Heike

In meinem Tempo

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