Diese Etappe werde ich nicht so schnell vergessen. Es war die herausforderndste auf dem gesamten Ostseeküstenradweg, den ich bisher gefahren bin. Vor drei Jahren begann ich in Lübeck und kam bis Rostock, letztes Jahr fuhr ich von Rostock über Stralsund nach Anklam. Doch keine Strecke hat mich so gefordert wie diese.
Bevor ich mich von Swinemünde verabschiedete, ging ich noch einmal ans Meer, hörte dem Wellenrauschen zu und beobachtete das Treiben der Möwen. Noch einmal Schuhe und Strümpfe ausziehen und den Sand unter meinen Füßen spüren. Dieses Gefühl durchströmt meinen ganzen Körper – und mit ihm, ganz unangemeldet, ein Stück Kindheit. Man wird ja nie ganz erwachsen, man hört nur auf, es zuzugeben.
Während ich dort stand, ließ ich den Vortag noch einmal an mir vorbeiziehen, mit all den Momenten, die für mich neu waren. In Swinemünde war ich einkaufen gewesen und völlig überfordert von all den Dingen, die ich nicht lesen konnte. All die Menschen um mich herum, die eine fremde Sprache sprachen, die ich nicht verstand. Und wie voll es war. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich kaufen sollte. Wasser – stilles Wasser oder mit Sprudel? Und was ist das bitte? So erging es mir, als ich nach Jahren wieder einmal in einem fremden Land war. Da hatte sich nicht nur die Umgebung verändert. Man denkt, man sei einigermaßen weltgewandt und dann steht man da wie am ersten Schultag.
An der Kasse im Discounter stand vor mir eine Dame, kaufte eine Schachtel Zigaretten und wollte mit einem 100-Euro-Schein bezahlen. Die Kassiererin schüttelte nur den Kopf. Also zog die Dame einen 50-Euro-Schein hervor – und bekam das Wechselgeld in Złoty zurück. Sie nahm es, als sei nichts dabei. So geht das also auch, dachte ich. Wäre aber nichts für mich.
Ich wäre gerne einfach so am Meer sitzen geblieben. Doch ich wusste, mich erwartete eine beschwerliche Fahrt durch den Wolinski Nationalpark. Ich hatte mir die Strecke schon vorab in der Bikeline angeschaut und gesehen, dass einige Abschnitte nicht asphaltiert sind. Neben der Bikeline nutze ich dieses Jahr zum ersten Mal auch Komoot – die Kombination hat sich bewährt: Komoot während der Fahrt, die Bikeline für den guten Überblick und für Informationen, die Komoot nicht liefert. Wie zermürbend dieser Weg durch den Wald wirklich war, hatte ich schon in meinem ersten Beitrag zur Tour erzählt.
https://heikeespeter.de/radtour-polnische-ostsee-die-baeume-bleiben/
Swinemünde ist durch die Swine geteilt, für die Überfahrt musste ich eine kostenlose Fähre nehmen. Ich ließ das Stadtgebiet hinter mir und fuhr direkt an der Ostsee entlang, bis ich bei Międzyzdroje den offiziellen Teil des Wolinski Nationalparks erreichte. Der Name klang wie ein Versprechen, und er hielt es auch – nur anders, als ich dachte. Bäume, besonders Kiefern, so weit das Auge reicht, ein Wald, der einen kleiner macht, im besten Sinn. Das ist auch der bleibende Eindruck dieser Tour: nicht die Kilometer, nicht der Weg – die Bäume.








An diesem Tag begegnete mir zum ersten Mal auf meiner Fahrradreise ein Marienaltar am Wegesrand. Ich blieb stehen, so wie man eben stehen bleibt, wenn einem plötzlich klar wird, dass hier jemand war – geschmückt mit Blumen und Bändern, sorgsam gepflegt. Solche Altäre habe ich danach noch oft gesehen, manchmal mitten im Wald, manchmal dort, wo ich sie überhaupt nicht erwartet hätte. Ich hielt immer gerne an diesen Orten an. Stille. Anhalten. Mehr braucht es manchmal nicht.
Nach unzähligen Kilometern durch Wald und an der Ostsee entlang kam ich endlich an meinem Hotel an – und wurde mit einem wirklich schönen Haus belohnt. Unterwegs hatte ich schon das Bedürfnis gehabt, irgendwo anzuhalten und mir einen Kaffee zu gönnen. Doch ich fühlte mich getrieben und wollte einfach nur ankommen. Das Erste, was ich dann im Hotel tat, noch bevor ich zum Meer ging: Kaffee trinken. Und auch hier war das Bestellen nicht annähernd so einfach wie im vertrauten Heimatland.
Wie geht es euch, wenn ihr in einem fremden Land plötzlich merkt, wie fremd ihr eigentlich seid? Mir hat dieser Moment im Supermarkt oder auch beim Kaffeebestellen mehr gezeigt als all die Wochen der Reisevorbereitung😀
Herzlich,
Heike





Ich habe den Bericht mit Begeisterung gelesen. Nach der Beschreibung sind die Wälder und Bäume gewaltig.