Es war Ende September, als ich mich zum ersten Mal mit meiner Badetasche auf den Weg zum See machte.
Oft werde ich gefragt, wie es dazu kam.
Anfang des Jahres hatte ich von einem lokalen Sender einen Bericht im Fernsehen gesehen. Frauen, die gemeinsam bei Schneefall ins kalte Wasser gingen. Ich wusste sofort: “Das will ich auch ausprobieren”.
Im vergangenen Herbst war es dann soweit. Als ich das erste Mal am Wasser stand, war es noch kein echtes Eisbaden. 15 Grad. Ich ging jeden Dienstag und Donnerstag ins Wasser. 6 Monate lang, im Winter auch an den Sonntagen. Ich schwamm immer, auch bei herrlichen 3 Grad Wassertemperatur. Gemeinsam mit anderen Frauen. Ich ging niemals alleine ins Wasser. Ohne diese Frauen hätte ich es nicht geschafft. Das ist mal Fakt.
Das erinnert mich an meine Selbsthilfegruppe. An mein Nüchtern werden. Ohne Gemeinschaft hätte ich es nie geschafft. Gemeinschaft trägt.
Das Eisbaden hat mich über Monate beschenkt, es hat mich erinnert und gelehrt.
Beginne ich einmal damit, dass ich neue interessante Menschen kennengelernt habe. Es sind wohlgemerkt alles Frauen, lediglich ein oder zwei Mal kam ein Mann dazu.
Bevor wir ins Wasser gingen, haben wir uns oft vorbereitet. Vorbereitung ist fast alles! Atemübungen! 3 mal einatmen, 3 mal ausatmen, 3mal ein- 4 mal aus. 3 mal ein, 5mal aus. 3 mal ein, 6mal aus, Atem anhalten, bis der allererste Impuls zum Einatmen kommt.
Das Nervensystem vorbereiten.
Fokus.
Dann folgten Hampelmänner, Kniebeugen, Klopfen, Reiben. Körper aufwärmen. Fertig. Rein ins kalte Wasser.
Ich ging immer direkt rein in den See. Oft stellte ich mir vor, dass er mich mit offenen Armen empfängt und manch eine Welle ein Lächeln sei. Ich ging Schritt für Schritt, häufig ohne stehen zu bleiben, dann hab ich mich langsam ins Wasser gleiten lassen. Sekundenkälte. Doch es ist nicht die Kälte, die die größte Herausforderung ist. Es sind die Gedanken.
Wenn ich beim Reingehen ins Wasser zögerte, entstand so manches Mal ein Raum für “Angst”. Dann wurde es schwerer!
An vielen Tagen war ich nur wenige Minuten im Wasser. Doch diese kurze Zeit hat mich häufig durch den Tag getragen. Eisbaden wurde mir so wichtig, dass ich es für den Tag an die erste Stelle setzte.
Nach dem Eisbaden kam oft der “Kick”. Losgelöst. Als wenn all die klebrigen Gedanken sich im Wasser aufgelöst hätten.
Das Eisbaden hat aber etwas mit der Abstinenz gemein. Beides beginnt nicht mit einem guten Gefühl. Beides beginnt mit einer Entscheidung.
Und noch einmal zur Erinnerung:
Es ist nicht die Kälte, die die größte Herausforderung ist. Es sind die Gedanken.
Ich habe gelernt, manchen Gedanken keinen Raum zu geben. Nicht, weil sie nicht da sind, sondern weil ich weiß, wohin sie führen könnten.
Also gehe ich einfach ins Wasser. Schritt und Schritt und nach dem Schwimmen bedankte ich mich immer beim See. Letzten Sonntag habe ich mich von ihm verabschiedet und sagte: „Ich werde im September wiederkommen“.
Es gibt diesen Satz: “Der Weg entsteht beim Gehen”. Mit dem kalten Wasser ist es genau so.
Im Wasser gibt es nur das Jetzt. Keine Vergangenheit. Kein Morgen.
Heike
In meinem Tempo





Wundervoll geschrieben und beschrieben, liebe Heike
Ich werde auch im September wieder kommen.🩵
Yippee, ich freue mich, wenn wir uns spätestens im September wieder sehen.
Liebe Grüße zu Dir.